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Trommeln machten die Ansgarkirche zur afrikanischen Partyzone (Foto: Stefanie Rasmussen-Brodersen)

Ihre Türen ganz weit aufgemacht haben am 18. September 23 Kieler Kirchen. Jeder Besucher konnte sich sein ganz eigenes Programm zusammenstellen, manche verbrachten Abend und Nacht gleich in mehreren Kirchen.

Trommeln dröhnen hinaus auf die Holtenauer Straße. Dann ein Ruf: „Komm näher, Norddeutschland, komm!“ Tina Idiado vom Djembestudio Kiel lockt die Besucher in der Ansgarkirche nach vorne: „für ein afrikanisches Fest brauchen wir vor allem euch!“ Die rund 150 Gäste kommen näher, die Füße wippen, dann die Hüften und Köpfe, sie klatschen, tanzen, und plötzlich ist der Altarraum eine afrikanische Partyzone.

So und ähnlich ist es gestern Nacht in 23 Kieler Gotteshäusern passiert. In der ökumenischen Nacht der Kirchen haben evangelisch-lutherische, katholische und freikirchliche Gemeinden zum fünften Mal ganz weit ihre Türen geöffnet. „Willkommen!“ ist das Motto 2015, es sollte sich an Fremde wie Freunde richten, an Gemeindemitglieder ebenso wie an Menschen, die mit Kirche sonst nichts am Hut haben. Rund 4000 Besucher haben an diesem Abend Musik und Kunst erlebt, diskutiert oder einfach nur Klönschnack gehalten, mitgemacht oder zugehört.

Oder eben eine afrikanische Party gefeiert. Vor den Djembetrommlerinnen hatte schon der Holtenauer Gospelchor in St. Ansgar begeistert, zum Beispiel Karoline Reimers: „Toll, die haben den ganzen Raum richtig mit Musik gefüllt, dabei waren das gar nicht so viele.“ Sie und ihr Freund Paul Spychalsky sind das erste Mal in der Nacht der Kirchen unterwegs gewesen und wollten zum Abschluss ihrer Tour noch auf den Turm der Pauluskirche steigen.

Zuerst waren sie am frühen Abend in der Adventgemeinde in der Waitzstraße. Dort haben sie Ihre Wünsche und Sorgen aufgemalt und einen ruhigen, besinnlichen Moment erlebt. Die Gemeinde hatte außerdem große Leinwände aufgestellt, Farben, Pinsel und Paletten, die Besucher konnten an Leonardo da Vincis Abendmahl mitmalen. Da hat sich auch Rebekka Hopf verewigt: „Diese Stimmung zur Nacht der Kirchen ist super“, sagte sie, den Pinsel noch in der Hand. Die Hamburgerin ist zu Besuch in Kiel und wollte den Abend nicht noch woanders hin. Aber das sei ja das Beste an der Nacht: „Jeder kann eigentlich das tun, was er möchte!“

Spielen, was sie möchten, konnten die Männer und Frauen in der Sozialkirche Gaarden. Zum Beispiel Mensch-ärgere-dich-nicht mit unterschiedlichen Regeln: Spanisch (über Ecken springen), italienisch (mit zwei Würfeln gleichzeitig) oder lieber kommunistisch (alle Hütchen rot)? „Spielen ist international“, lachte Pastorin Ragni Mahajan. „Sogar unsere Gäste aus Eritrea kannten das Spiel und konnten sofort loslegen. Schön!“ Gleich am Eingang der Sozialkirche haben Ehrenamtliche Sorgenpüppchen und Süßigkeiten verteilt, und beim Flaggenraten gab´s selbstgenähte Preise. Hier konnten außerdem die eingefleischten Zocker beim Skatturnier punkten – direkt unter dem Altarkreuz. Dass dies zur Nacht der Kirchen kein Tabu ist, zeigte auch die Heilandkirche. Bei „Rock unterm Kreuz“ und dem Auftritt der Metalband haben die Zuhörer geheadbangt, was das Zeug hält.

Egal ob laut oder leise, groß oder klein – gelebte, ökumenische Vielfalt hatten die Veranstalter angekündigt und hielten das Versprechen ein. Die Lutherkirche besuchten rund 70 Menschen und erlebten bei Turmbesteigung und gemeinsamen Gebeten die besinnliche Seite der Nacht. So wie bei der „mystagogischen Führung“ durch die Liebfrauenkirche, die mit einem persönlichen Segen für jeden Besucher endete. In St. Heinrich begeisterte dagegen das schwungvolle Fünf-Chöre-Konzert die vollbesetzte Kirche, noch kurz vor Mitternacht hatten die Jugendlichen vom Gospelchor „Rich Sound“ einen gut besuchten Auftritt. Die stimmungsvoll bunt beleuchtete Kirche war schon für sich einen Besuch wert. In der Kirchengemeinde Altenholz kamen im Laufe des Abends 600 Menschen zusammen, die tolle Musik und viele Denkanstöße zum Thema Willkommen erlebten. Und um beim Stummfilm „Lichter der Großstadt“ in St. Nikolai einen Sitzplatz zu bekommen, musste man früh dort sein. Organist Manuel Gera, der zum Film live die Musikbegleitung lieferte, bekam am Ende „standing ovations“.

Unzählige Ehrenamtliche haben geholfen, das umfangreiche Programm auf die Beine zu stellen. Gleich im Oktober machen sich die Kirchengemeinden an die Planung für 2016. Wieder am dritten Freitag im September, also am 16., werden sich ihre Türen zur sechsten Nacht der Kirchen in Kiel weit öffnen. Dann schallt es vielleicht wieder durch die Straßen: „Komm näher, Norddeutschland, komm!“

 Stefanie Rasmussen-Brodersen